Bad Mergentheim/Wachbach. Nicht wie üblich die Mitglieder der Bereitschaften trainierten hier, sondern die Profis des Rettungsdienstes mitsamt drei Leitenden Notärzten. Und so ging auch um den Umgang mit einem Massenanfall von Verletzten nach einem Anschlag.
„Wir machen hier jeden Tag unterschiedliche Szenarien durch, immer mit wechselndem Personal“, erklärt der Rettungsdienstleiter Christian Meiser dem FN-Reporter. Beim Besuch im Willinger Tal ist gerade Mittagspause, doch gleich geht es los. Ein „Notruf“ kam, und die Fahrzeuge fahren ab zu einer Hütte auf dem Gelände. „Eine Veranstaltung mit vielen Leuten, es gab ein Attentat“, erklärt Meiser. Das lässt nichts Gutes ahnen, doch die vorgefundene Realität ist noch schlimmer.
Spezielle Silikon-Überzüge lassen fehlende Gliedmaßen erkennen, zwei, drei „Tote“ liegen vor und neben der Hütte, Blutlachen, Verletzte schreien, zahlreiche verwirrte Veranstaltungsteilnehmer – es ist ein Chaos. Für die eintreffenden Rettungskräfte geht es zunächst darum, sich einen Überblick zu verschaffen. „Was ist überhaupt los, wie viele Verletzte gibt es, welcher Grad an Verletzungen, wer braucht als erster Hilfe“ – das gilt es, festzustellen und dann entsprechend zu reagieren, wozu auch die Anforderung weiterer Einsatzkräfte gehöre, erläutert Meiser.
Schnell sind auch die Notärzte da, die zusammen mit den Sanitätern die ersten Schritte einleiten. Das Szenario, soviel steht fest, ist überaus realistisch.
„Ansprechend und fordernd“
„Ansprechend und fordernd“ soll es sein, betont der Rettungsdienstleiter. Und das ist es auch. Ein Grund dafür sind die Referenten; bei dieser Übung ist auch ein ehemaliger Bundeswehrarzt dabei. Karsten Ladehof hat viel Erfahrung bei Auslandseinsätzen gesammelt, er weiß, „wie es bei einer solchen Lage ausschaut“. Kaum sind die Retter eingetroffen, wird ein weiterer Sprengsatz entdeckt – und zur Explosion gebracht, natürlich ohne Schaden anzurichten. Es kracht gewaltig, alle Sanis blicken sich um. Das meldet Ladehof per Funk, wobei er auch darauf hinweist, dass es keine weiteren Sprengsätze gebe.
Wer hat Vorrang?
Derweil sind die 15 Profis bereits voll bei der Arbeit. Die Verletzten werden begutachtet, die Verletzten-Anhängekarten werden ausgefüllt. „Wichtig ist, zu erkennen, wer Vorrang hat“, erläutert Meiser. Bei einem solchen – wenn auch simulierten – Massenanfall werden die Verletzten eingereiht in die Abfolge der Hilfsmaßnahmen: wer braucht vordringlich Hilfe, wer kann und muss warten. Nicht einfach für die Notärzte, entsprechende Maßnahmen anzuordnen.
Da kommt ein weiterer Verletzter – eine Beinwunde hindert ihn beim Laufen, weshalb er sich auf einen Stock stützt – laut schreiend auf die Helfer zu. „Mein Kumpel liegt da“, er scheint schwerstverletzt zu sein und liegt in einer Blutlache – „was macht ihr Idioten eigentlich?“, schreit der selbst von der Explosion übel zugerichtete Mann. Er muss beruhigt werden, was nicht ganz einfach ist. Der „Schauspieler“ ist bei der Feuerwehr aktiv und kennt Situationen, in denen aufgebrachte Menschen auf die Helfer zustürmen, aus eigener Erfahrung.
Überhaupt, die „Statisten“. Nicht nur als entsprechend gestylte Verletzte waren sie aktive Teilnehmer am Geschehen, denn es gab auch eine Gruppe verwirrter Veranstaltungsbesucher. Darunter eine Mutter mit einem Säugling, und der schreit ununterbrochen. Natürlich ist es nur eine Puppe samt Tonband, aber dennoch trifft ihr Weinen ins Herz – selbst dem hartgesottenen Reporter geht das Babygeschrei nahe, ja regelrecht ans Gemüt. „Die Natur hat sich was dabei gedacht“, sagt er sich. Ein schreiendes Baby lässt niemanden kalt, ist aber bei dieser Übung einfach Bestandteil der simulierten Realität, denn auch damit müssen Einsatzkräfte umgehen können.
Profis am Werk
Nach und nach kommt Ordnung in die Sache, die Verletzten werden jeweils entsprechend ihrer Wunden versorgt, bekommen ihre Verletzten-Anhängekarte umgehängt und werden in die Klinik gefahren.
Die heute anwesenden 15 „Profis“ des Rettungsdienstes leisteten „gute Arbeit“, attestiert Ladehof bei der anschließenden Besprechung, bei der alle Vorgänge analysiert und durchgesprochen werden. Natürlich gebe es hier und da Optimierungspotenzial, „aber deshalb gibt es ja solche Übungen. Man muss herausfinden, worauf man besonders achten muss, wie es ist bei einem solchen Szenario, wo man ansetzen muss, was gut läuft und wo es hakt. Aber unterm Strich lief es richtig gut“, lobt Ladehof die Männer und Frauen vom Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes, Kreisverband Bad Mergentheim.
Nicht nur die Profis vom DRK-Team samt dreier Leitender Notärzte waren vor Ort, auch Bundeswehr-Sanitätssoldaten waren eingebunden. Zudem verschafften sich Vertreter der Polizei und der Feuerwehr einen Eindruck. Kreisbrandmeister Andreas Geyer fasste sich kurz: „Ich habe gut aufgepasst, denn das Vorgehen betrifft nicht nur den Rettungsdienst. Die Feuerwehr ist bei solchen Einsätzen ja meist auch mit dabei.“ Geplant sei bereits eine „gemeinsame Übung“, sagte Geyer.
„Passieren kann alles“
Ob denn ein solches Szenario wirklich realistisch sei hier im ländlichen Raum, will der Reporter vom Rettungsdienstleiter wissen. Bombenanschläge vielleicht nicht, „aber passieren kann alles“, antwortet Meiser. Es reiche ja schon, wenn ein Zug entgleist, ein vollbesetzter Bus einen Unfall hat oder auch eine Gasexplosion in einem Mehrfamilienhaus – „da gibt es dann auch einen Massenanfall von Verletzten und teilweise Schwerverletzen. Und wir müssen lernen, damit umzugehen, damit wir im Fall des Falles das Richtige tun“.
An der Übungswoche im Willinger Tal haben alle Mitarbeiter des Rettungsdienstes teilgenommen, die diversen Szenarien seien allesamt „an der Realität ausgerichtet“ gewesen, betont Meiser.
Hans-Peter Kuhnhäuser Autor