Beim Einsatz zählt oft jede Sekunde

 

Integrierte Leitstelle des Main-Tauber-Kreises hat nur wenig Zeit für schnelle und punktgenaue Entscheidungen





BAD MERGENTHEIM. Extra Zeit wünschen sich die Retter und Helfer des Deutschen Roten Kreuzes und der Freiwilligen Feuerwehren bei ihren Einsätzen, denn nicht selten geht es um Sekunden, maximal Minuten. Dafür verantwortlich, dass die Zeitspanne zwischen Notruf und dem Eintreffen der Einsatzkräfte möglichst klein bleibt, ist die Integrierte Leitstelle für das Feuerwehr- und Rettungswesen im Main-Tauber-Kreis mit Sitz in Bad Mergentheim.

Knapp 160 000 (!) Telefongespräche werden vom 15-köpfigen Mitarbeiterteam übers Jahr abgewickelt - im Schichtbetrieb, rund um die Uhr versteht sich. Nicht immer geht es um einen Notfall, denn die Leitstelle ist zuständig für Feuerwehr und Rettungsdienst, aber auch für Krankentransporte, Technisches Hilfswerk, DLRG-Wasserrettung, Katastrophenschutz, Rettungshundestaffel, Notfallseelsorger, "Helfer vor Ort"-Gruppen, Hausnotrufe und Brandmeldeanlagen sowie anderes mehr.

Knapp 25 000 "Alarm"-Einsätze mussten dennoch allein im vergangenen Jahr koordiniert werden, also durchschnittlich fast 70 pro Tag. 33 400 Einsatzfahrten waren damit verbunden, denn beispielsweise eilt der Notarzt neben dem Rettungswagen mit einem extra Fahrzeug zur Unglücksstelle.

DIE LEITSTELLE

  • Mit einer Fläche von rund 1300 Quadratkilometern und einer Nord-Süd-Ausdehnung von über 100 Kilometern ist der Main-Tauber-Kreis einer der größten Landkreise in Baden-Württemberg. Etwa 130 000 Einwohner bevölkern 18 Städte und Gemeinden.
  • Seit 1997 werden alle Rettungs- und Notrufdienste (außer die Polizei) durch die Integrierte Leitstelle in Bad Mergentheim koordiniert. Rettungswachen des Deutschen Roten Kreuzes gibt es Bad Mergentheim, Niederstetten und Creglingen sowie in Tauberbischofsheim und Wertheim. Zudem einen Rettungswagen-Standort in Külsheim-Steinbach. Sie verfügen zusammen über mehr als 20 Rettungsfahrzeuge.
  • Die Leitstelle koordiniert zudem kreisweit 22 Feuerwehren (18 Gemeinde- und vier Werksfeuerwehren) mit über 180 Einsatzfahrzeugen und 633 Einsätzen allein im vergangenen Jahr. sabix


Um stolze 20 Prozent haben die Einsätze in den vergangenen fünf Jahren zugenommen. Matthias Hofmann, der Leiter der Integrierten Leitstelle, führt dies auch auf die älter werdende Bevölkerung zurück und spricht von mehr Krankentransporten sowie einer moderaten Erhöhung der Feuerwehranforderungen - genaue Ursachen zu nennen, sei schwierig.

Wenn das Telefon unter 112 in der Leitstelle klingelt, dann ist der so genannte Disponent hochkonzentriert, wie Hofmann berichtet. Jede Information kann jetzt wichtig sein. Jede Sekunde zählt. Der Anrufer ist meist aufgeregt und reicht manchmal präzise, oft aber auch ungenaue Fakten über die Telefonleitung weiter. "Der Disponent hat aber in diesem Moment nur diese eine Informationsquelle und muss genau hinhören, muss hin und wieder nachfragen, um die Lage gut einschätzen zu können. Was ist konkret erforderlich, um die richtige Hilfe zu schicken? Ist jemand eingeklemmt oder nicht? Ist jemand bewusstlos? Wie viele Verletzte gibt es?" Viele Fragen, "aber die müssen sein", so Leitstellen-Chef Hofmann.
"Die Emotionen sind eher bei den Leuten vor Ort, den Betroffenen, als bei meinen Leuten in der Leitstelle - bedingt durch unsere große Erfahrung und die fundierte Ausbildung arbeiten wir professionell die Fälle ab". Hilfreich sei dabei sicher, dass man die Bilder von der Unglücksstelle nicht direkt vor Augen habe und dadurch ein objektives Handeln möglich werde.

Seit der Notruf einging, sind nur wenige Sekunden vergangen, die Daten aber schon direkt in den Einsatzleitrechner eingegeben und dieser macht nun einen Rettungsmittelvorschlag. Der Disponent entscheidet nun in Sekundenschnelle, was zu tun ist. Auf Knopfdruck erfolgt die Alarmierung der unterschiedlichen Kräfte. Der Rettungswagen rückt aus. Die Feuerwehrleute wurden per Meldeempfänger oder Sirene verständigt und eilen zum Gerätehaus und besetzen die Einsatzfahrzeuge; Informationen zum Auftrag erhalten die Rettungskräfte von der Leitstelle über ein Display im Fahrzeug, auf dem Text-Nachrichten erscheinen. In der Leitstelle selbst erfolgen bereits die nächsten Schritte - weitere Dienststellen wie beispielsweise die Polizei oder gar der Rettungshubschrauber werden alarmiert.
"Bei größeren Unglücken sind die ersten zehn Minuten besonders intensiv, dann ist die große Welle durch und die Arbeit in der Leitstelle ebbt etwas ab", sagt Hofmann und fährt fort: "Richtig Stress haben wir vor allem bei Unwetter, wenn an vielen Stellen im Landkreis beinahe gleichzeitig etwas passiert. Dann glühen die Drähte! Und für uns gibt es viel zu koordinieren."

Als besonders anstrengend für die DRK-Mitarbeiter der Leitstelle, "die sowieso schon psychisch sehr hoch belastet sind und einiges aushalten müssen, weil es ja oft um Menschenleben und entscheidende Minuten geht", beschreibt Klaus Eckel, der Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Bad Mergentheim, eine "offene Lagemeldung", also die trügerische Ruhe nach dem ersten Sturm. "Die Einsatzkräfte sind ausgerückt, jetzt wartet die Leitstelle auf eine erste Rückmeldung vom Unglücksort. Denn die Leitstelle muss nun wissen, was weiter vorzubereiten ist: Die Intensivbetten-Reservierung im (Spezial-)Krankenhaus oder die Nachalarmierung weiterer Kräfte zur Verstärkung." Quälende Minuten können dies werden, bis der Disponent wieder auf dem Laufenden ist.

"Den Leitstellen-Mitarbeitern hilft sicherlich, dass jeder von ihnen auch praktische Erfahrungen im Rettungsdienst hat und diese auch jedes Jahr für sechs Wochen auffrischt, in dem sie den Bürostuhl und das Headset mit dem Einsatzfahrzeug tauschen. Das führt zu einem besseren Verständnis der Retter vor Ort und hilft bei der späteren Arbeit am anderen Ende der Leitung", erzählen Matthias Hofmann und Klaus Eckel überzeugt.

Der DRK-Kreisgeschäftsführer ist froh, dass der Leitstelle im vergangenen Jahr für die gestiegenen Arbeitsbelastungen und Einsatzzahlen auch 3500 Arbeitsstunden mehr genehmigt wurden, denn unter Personalknappheit litt man bereits. Der Landkreis trägt die Hälfte der Kosten, den Rest übernimmt der DRK-Kreisverband Bad Mergentheim als Träger der Einsatzzentrale, refinanziert durch die Krankenkassen.

Erfreut berichtet Eckel auch vom baldigen Umzug der beengten Leitstelle in neue Räume, in einen Neubau auf der anderen Straßenseite, während Matthias Hofmann noch einwirft, dass die Leitstelle manchmal auch mit unnötigen 112-Notrufen belastet wird: "Ja, die gibt es. Und es werden leider auch mehr. Wegen geringfügiger Verletzungen oder Erkrankungen wird gleich der Notarzt bestellt, anstatt sich an einen niedergelassenen Arzt oder - außerhalb der Sprechzeiten - an deren Bereitschaftsdienst zu wenden." Wenn das Notarztfahrzeug samt Mannschaft auf so einen Einsatz geschickt wird, geht wertvolle Zeit der Retter verloren.

© Fränkische Nachrichten, Donnerstag, 07.05.2015






Veröffentlicht am:
08:22:05 22.05.2015 von DRK Bad Mergentheim e.V

Letzte Aktualisierung
08:26:39 22.05.2015